Krise der Theaterpreise: Wie Insider-Netzwerke das Berliner Theatertreffen und den Nestroy-Preis zerstören
Swantje WeinhageKrise der Theaterpreise: Wie Insider-Netzwerke das Berliner Theatertreffen und den Nestroy-Preis zerstören
Zwei der renommiertesten Theaterpreise Europas, das Berliner Theatertreffen und der österreichische Nestroy-Preis, sehen sich wachsender Kritik an ihrer Ausrichtung und Qualität ausgesetzt. Das Berliner Theatertreffen und der österreichische Nestroy-Preis, einst gefeiert für ihre Exzellenz, scheinen heute Insider-Netzwerke über künstlerische Leistung zu stellen. Beobachter verweisen auf verschobene Prioritäten, politischen Einfluss und einen Rückgang der Würdigung etablierter Theaterpersönlichkeiten als zentrale Problemfelder.
Die diesjährigen Auswahlentscheidungen haben eine Debatte ausgelöst: Reflektieren die Veranstaltungen noch wahre theaterische Leistungen oder sind sie zu Plattformen einer engen, selbstbedienenden Clique geworden?
Das Berliner Theatertreffen, traditionell ein Höhepunkt des deutschsprachigen Theaters, gerät wegen seines Auswahlverfahrens in die Schusslinie. Statt die besten Produktionen zu präsentieren, diene es mittlerweile einer kleinen Gruppe von Eingeweihten, monieren Kritiker. So wurde etwa die in Cottbus aufgeführte Wiener Inszenierung Der Hauptmann von Köpenick, trotz großer Anerkennung übergangen, während zwei deutsch-österreichische Koproduktionen aus Milo Raus Wiener Festwochen den Zuschlag erhielten – neben Fräulein Else, einem Stück, dessen Hauptdarstellerin Julia Riedler zwar den Nestroy als beste Hauptrolle gewann, dessen Regie von Leonie Böhm jedoch verrissen wurde.
Auch der Nestroy-Preis, Österreichs höchste Theaterauszeichnung, hat an Ansehen eingebüßt. Kay Voges, ehemaliger Direktor des Wiener Volkstheaters, dominierte in diesem Jahr die Preise – wie schon beim Theatertreffen. Doch die Glaubwürdigkeit der Veranstaltung wird zunehmend infrage gestellt. Schuld daran sei ein Mangel an unabhängiger Beurteilung, so die Kritik. Die Juroren, oft politische Ernannte oder Vertreter der Theaterelite, setzen Quoten durch – wie die 50-Prozent-Vorgabe für Regisseurinnen –, während künstlerische Qualität in den Hintergrund rückt.
Hinter diesen Entwicklungen steht eine namentlich nicht genannte Wiener Kulturstadträtin, deren Einfluss sich vom Nestroy-Preis bis zum Theatertreffen erstreckt. Ihre Förderung des postdramatischen Theaters hat beide Veranstaltungen geprägt – allerdings nicht ohne Kontroversen. Einst gefeierte Regisseure wie Peter Zadek, Claus Peymann oder Gert Voss, die eine Epoche prägten, werden nicht mehr eingeladen; ein Bruch mit der Tradition. Gleichzeitig haben finanzielle Zwänge erfahrene Kritiker wie Benjamin Henrichs und Gerhard Stadelmaier verdrängt, sodass immer weniger Stimmen den Status quo hinterfragen.
Einige schlagen radikale Reformen vor, um das Theater wiederzubeleben: Star-Schauspieler durch Unbekannte ersetzen, Produktionen zurückfahren oder sogar Subventionen in Mietzuschüsse und Popkonzerte umlenken. Ob solche Maßnahmen jedoch das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen – oder das Publikum weiter verprellen – bleibt ungewiss.
Die Zukunft von Theatertreffen und Nestroy-Preis hängt nun davon ab, ob sie ihre Rolle als Garanten von Qualität zurückerobern können. Derzeit begünstigen die Trends politische Agenden und Insider-Präferenzen statt breiter künstlerischer Anerkennung. Ohne Kurswechsel riskieren beide Veranstaltungen, ihre Relevanz für die Theaterwelt – und das Publikum, das sie einst begeisterten – endgültig zu verlieren.